Antisemitismus, von Juden selbst hervorgerufen

Woher stammt Antisemitismus? Wolfgang Gedeon stellt fest: die Juden haben daran selbst schuld. In Kapitel 4.6 des „Grünen Kommunismus“ (Kapitelüberschrift: Antinazismus) führt er diesen Gedanken umfassend aus. Einzelne Sätze aus diesem Kapitel bringen es schon genügend auf den Punkt. Ich habe mich aber dazu entschlossen, einen Abschnitt daraus komplett zu zitieren und zu kommentieren, damit mir die Befürworter Gedeons hinterher nicht nachsagen können, ich hätte die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen.

Zweiter Weltkrieg, Tätervolk und Opfervolk

Zunächst schreibt Gedeon den Abschnitt „Die Ideologisierung des Antinazismus“. Auch das ist unangenehm zu lesen. Gedeon bemüht sich um eine zumindest teilweise Rechtfertigung des deutschen Einmarschs in die Sowjetunion im Jahre 1941 und analysiert anschließend die „Singularität“ des Holocausts, die seiner Meinung nach in „religiöser Teminologie“ beschrieben wird. Der Abschnitt endet mit einer Diskussion des Begriffs „Tätervolk“. Ein Thema, auf das er später noch einmal zurückkommt. Es schließt sich der Unterabschnitt „Was ist Antisemitismus?“ an.

Die unzulässige Ausweitung von Schuld im Begriff »Tätervolk« findet ihr Gegenstück im freilich nicht explizit verwendeten Begriff »Opfervolk«. Dieses sind in dieser Sichtweise natürlich die Juden, und das nicht erst seit Hitler, sondern schon die gesamte abendländische Geschichte hindurch.

Die steile These Gedeons ist hier also die, dass die Schuld Deutschlands am Einmarsch in die Sowjetunion und an der Kriegsführung der Wehrmacht überhaupt „unzulässig ausgeweitet“ werde. Eine These mit der man sich in der poltischen Landschaft Deutschlands zum Glück im Jahre 2016 keine Sporen verdienen kann. Auch die nun folgende Diskussion des „Opfervolks“ ist dazu nicht geeignet.

Auf dieser definierten Rolle als absolutes Opfervolk fußt die zeitgeistkorrekte Deutung des »Antisemitismus«: die Christen, die Deutschen, die Polen oder wer auch immer, die Täter, die Juden die Opfer.

Anders formuliert: Gedeon meint, auch die Juden hätten ihren Anteil an Schuld auf sich geladen. Und dies müsse man bei der Bewertung von Antisemitismus angemessen berücksichtigen. Es fällt auf, dass er das Wort Antisemitismus hier in Anführungsstriche setzt. Dies soll (zumindest nach meinem Verstehen) implizieren, dass er den Begriff Antisemitismus als solchen in Frage stellt oder für unangemessen hält.

Es gebe kein objektives Korrelat für Antisemitismus, heißt es. Vielmehr handle es sich um ein rein psychologisch fassbares Ressentiment. Immer wenn es eines Sündenbocks bedurfte, hätten die Juden herhalten müssen.

Dieser Satz erschließt sich nicht auf die Schnelle und so wird er möglicherweise leicht überlesen. Was ist ein Korrelat? Das Wort ist von „Korrelation“ abgeleitet, dieses beschreibt, dass zwei Dinge miteinander in Beziehung stehen. Auch gibt es diesen Begriff in der Medizin (das war ja Gedeons eigentlicher Beruf), siehe „Korrelat (Medizin)“ in der Wikipedia. („Im medizinischen Sprachgebrauch werden unter dem Korrelat einer Erkrankung all jene Befunde verstanden, die dieser diagnostisch zugehörig sind. Oft steht der Begriff für eine Entsprechung der subjektiven Patientenmitteilung mit den objektiven Befunden.“)

Der/die Redner, die hier ablehnend zitiert werden, vertreten also die These, dass es keinen objektiven Zusammenhang zwischen Antisemitismus und jüdischem Verhalten gebe, dass der Antisemitismus rein psychlogisch erklärt werden müsse und zwar durch die Gedanken der Antisemiten.

Was heißt es dann, diese These zu verneinen, wie es im weiteren Verlauf des „Grünen Kommunismus“ geschieht? Es heißt dass es objektive, legitime Gründe dafür gibt, antisemitisch zu sein.

Die „sogenannte“ Antisemitismusforschung

Gedeon weiter:

Um dieses psychologistische Deutungsdogma wissenschaftlicher daherkommen zu lassen, gibt man inzwischen Millionen für sog. »Lehrstühle für Antisemitismus-Forschung« aus, denen im Wesentlichen die Aufgabe obliegt, den Vorwurf des »Antisemitismus« auf immer weitere Argumentationsbereiche auszudehnen.

Psychologistisch ist ein weiteres unübliches Wort. Der Wikipedia-Artikel zum Psychologismus  hilft auch nicht, den Sinn wirklich zu erschließen. Hätte es nicht gereicht, „psychlogisch“ zu verwenden? Jedenfalls handelt es sich für Gedeon bei dem vorher genannten psychologischen Ansatz, Antisemitismus zu erklären (nota bene: im Unterschied zu angeblichen sachlichen Gründen für Antisemitismus), um ein „Deutungsdogma“. Dogma ist ein vorwiegend religiöser Begriff, der üblicherweise den Beiklang hat, es handele sich um eine feststehende Aussage einer Lehrinstitution, die rein religiös begründet ist, ohne objektive Grundlage. Anders formuliert: dem psychologischen Ansatz des Antisemitismus fehlt die Grundlage.

Deshalb ist Antisemitismusforschung an der Uni für Gedeon auch nur „sogenannte“ Antisemitismusfoschung. Die Millionen, die das koste (am Rande: wie viele Lehrstühle gibt es eigentlich? Und was kostet ein Lehrstuhl im Jahr? ist das eigentlich plausibel, dass dass „Millionen“ sind?) rückt Gedeon damit in die Nähe der Verschwendung von Steuergeldern. Und die genannte Zielbeschreibung dieser Lehrstühle, den „Vorwurf des Antisemitismus“ (man beachte: nicht etwa objektiven Antisemitismus, sondern nur den „Vorwurf“ desselben) immer weiter auszudehnen, ist auch ein verbaler Tiefschlag, der nur schwer zu ertragen ist.

Für diese „unzulässige Ausdehnung“ nennt Gedeon jetzt Beispiele:

Ziel ist, Juden im allgemeinen und den Staat Israel im besonderen nicht nur vor jedweder Kritik abzuschirmen, sondern jedwede diesbezügliche Kritik als »antisemitisch« zu diskreditieren und die Kritiker als Sympathisanten nationalsozialistischer Schandtaten zu diffamieren. Wer zum Beispiel die offizielle Gedenkpraxis für einseitig hält, weil sie immer nur des Holocausts und der jüdischen, nicht aber der zahllosen anderen Opfer von Krieg und Terror gedenkt, gilt inzwischen schon als »antisemitisch«. Wer – nach 70 Jahren! – gar einen historischen »Schluss-Strich« unter die anhaltende Diskussion um deutsche Schuld und Wiedergutmachung fordert, macht sich eines »Schluss-Strich-Antisemitismus’« schuldig usw. So hält die sog. Antisemitismus-»Forschung« ein breites Reservoir an Argumentationskeulen bereit, um entsprechende Kritiker in Schach zu halten.

Auch diesen Absatz halte ich für wenig gelungen. Es ist überhaupt nicht zielführend, die Frage nach Erinnerungskultur im Zusammenhang mit dem Antisemitismus oder gar mit der Frage, inwieweit Juden daran selbst schuld sein könnten, zu diskutieren. Damit kann man nur verlieren.

Auffällig ist hier auch der Begriff „Schandtaten“, den Gedeon auch an anderer Stelle verwendet hat. Da ging es um das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Mein Sprachgefühl meint, dass „Schandtaten“ deutlich schwächer ist als „Verbrechen“, auch wenn man da möglicherweise anderer Meinung sein kann. Ich, für meinen Teil, halte diesen Begriff daher für unangemessen.

Gedeon weiter:

Diese Art Forschung hat wenig mit Wissenschaft zu tun, aber viel mit Ideologie und psychologischer Kriegsführung.

Das nun geht gar nicht. Der Vorwurf der Ideologie ist schon unangemessen. Gänzlich jenseits der Grenze der Erträglichkeit ist aber der Begriff der „psychologischen Kriegsführung“. Da drängt sich die Frage auf, wer gegen wen? Letzteres ist einfach: es geht gegen Deutschland. Ersteres können dem Kontext zufolge eigentlich nur „die Juden“ sein. Die Antisemitismuskeule wäre Gedeon zufolge also eine Art jüdischer Kriegsführung gegen das deutsche Volk. Wie anders sollte man das verstehen?

Die Haarspalterei: Antisemitismus vs. Antizionismus

Im Wesentlichen will man verhindern, dass eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen »Antisemitismus« und »Antizionismus« gemacht wird und diese Eingang in die politische Diskussion der westlichen Gesellschaften findet. Dabei geht es im einen Fall (Antisemitismus) um einen undifferenzierten pauschalen Hass gegen alles Jüdische, den jeder vernünftige und anständige Mensch ablehnt, im anderen Fall (Antizionismus) um politische Kritik am Staat Israel sowie an zionistischen Cliquen, die gerade in den USA sehr stark sind.

Hier sind wir bei Gedeons letzter Verteidigungslinie. Er will zwischem (bösem) Antisemitismus und (gutem) Antizionismus unterscheiden. Mehr dazu (demnächst) hier. Diese Unterscheidung gelingt ihm letztlich nicht. Noch nicht einmal hier, wie wir am Schluss dieses Abschnitts sehen werden.

Der jüdische Kronzeuge

Ist Antisemitismus also nur ein psychologisch erklärbares Phänomen, oder ist diese Weise der Deutung ein zeitgeist-typischer Psychologismus, mit dem eine differenzierte Diskussion des Themas blockiert werden soll? Sicherlich gibt es Situationen und Aktionen, in denen die SündenbockDeutung ihre Berechtigung hat. Aber trifft das wirklich für das Gesamtphänomen zu?

Ein kurzes Rekapitulieren der bisherigen Situation. Es folgt ein Blick aufs Gesamtbild

Könnte es vielleicht sein, dass, wie der Jude L. Deutsch schreibt, die Juden genügend Gründe für die ihnen entgegengebrachten Feindseligkeiten geliefert haben?

Schon hier bricht Gedeons Differenzierung zwischen Antisemitismus und Antizionismus , die er gerade erst aufgestellt hatte, auseinander. Sie hat also nur einen Absatz weit getragen. Dieser Satz ist, wenn man ihn genau betrachtet, einer der unanständigsten aus Gedeons Literatur. Sein Vorwurf ist, rhetorisch geschickt, in eine Frage gekleidet, fast so als solle hier ein Schlupfloch gelassen werden, man haben ja nur eine Frage gestellt. Allerdings beantwortet er die Frage in den folgenden Abschnitten deutlich genug selbst.

Wichtiges rhetorisches Element ist hier ein Kronzeuge, ein Jude muss her, als Argument dafür, dass Antisemitismus eben doch jüdische Schuld sei. Allein die Frage zu stellen, ob Juden „genügend Gründe für die ihnen entgegengebrachten Feindseligkeiten geliefert haben“, verbietet sich angesichts der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nur der Kniff, diese Frage aus dem Mund eines Juden zu stellen, liefert einen dünnen Lack, der die Unmöglichkeit dieser Frage verdecken soll.

Nun lösen Zitate bei mir immer den Drang aus, ihnen auf den Grund zu gehen. Mich interessiert deshalb, wer dieser „Jude L.Deutsch“ denn war, und in welchem Zusammenhang er diese These geäußert habe soll. Zum wiederholten Male macht es sich störend bemerkbar, dass Gedeon ohne Quellenangabe zitiert. Selbst mit einer Internetrecherche konnte ich diese Frage nicht klären. Es ist mir noch nicht einmal gelungen, die Person zu identifizieren. Bester Kandidat wäre dieser Mann: Leo Deutsch (Wikipedia) ein russischer Revolutionär, der sich vom Judentum abgewendet und dem Kommunismus zugewendet hat. In diesem Falle wäre stünde er für die von Gedeon beabsichtigte Kronzeugenrolle im Grunde nicht mehr zur Verfügung. Das Zitat selbst konnte ich überhaupt nicht verifizieren.

Die Gründe, warum Juden am Antisemitismus selbst schuld seien

Nach der Vorlage durch den „Juden L.Deutsch“ bemüht sich Gedeon nun darum, Beispiele dafür zu liefern, dass die Juden tatsächlich am Antisemitismus selbst schuld seinen. Zunächst einmal werden alte Vorurteile in den Ring geworfen:

Lassen wir einmal die historischen Vorwürfe beiseite, in denen es um jüdische Kollaboration mit äußeren Feinden, insbesondere den islamischen Aggressoren geht, um Zinswucher im Mittelalter und ähnliches!

Was soll das nun bedeuten? Wenn es beiseite gelassen werden soll, warum nennt Gedeon diese Vorwürfe dann überhaupt? Und warum präsentiert er sie so, als wären sie legitime historische Fakten? Keine Spur einer Distanzierung. Im Gegenteil. Im Grunde stellt Gedeon diese Sammlung hin, also ob sie auch mit zur Bestätigung seiner These dienen könnte.

Lassen wir auch den religiösen Leitfaden der Juden, den Talmud, aus dem Spiel, in dem Dinge über Nichtjuden formuliert werden, die nicht nur diese, sondern auch viele Juden entsetzen.

Mehr zum Talmud bei Gedeon hier.

Und jetzt geht es um heute:

Bleiben wir in unserer Zeit und schauen auf Israel, das viele wegen seiner internationalen Isoliertheit inzwischen als globalisiertes Ghetto des modernen Judentums betrachten! In den letzten Jahren gab es immer wieder Umfragen, auch in Europa, die ergaben: Eine große Mehrheit der Bevölkerung hält Israel für die größte Bedrohung des Weltfriedens. Die erwartete Reaktion aus Jerusalem, besonders heftig vom damaligen Premier Ariel Sharon vorgetragen: Die Europäer seien eben »Antisemiten«. In diesem Fall kann sich aber jeder Zeitungsleser ein eigenes Urteil bilden, ob das, was Sharon da »Antisemitismus« nennt, psychologischer Ausdruck eines Sündenbockdenkens der Europäer ist, oder ob in der Politik Israels vielleicht doch eine objektive Grundlage für diese diese zunehmend antiisraelische Einstellung der Weltbevölkerung vorliegt.

Dies ist der Punkt, an dem Gedeons künstliche Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antizionismus zerbricht. Er darf, wenn er will, gerne Israel kritisieren. Viele Länder tun dies. Oft war es nur ein Veto der USA, das Resolutionen des UN-Weltsicherheitsrats gegen Israel verhindert hat. Er darf sich auch gerne über Sharon oder Netanyahu beschweren. Aber man beachte den Kontext: Gedeon geht ja gerade der Frage nach, ob Antisemitismus (und nicht Antiisraelismus) eine objektive, legitime Grundlage hat. Und als Beleg dafür bietet er jetzt eine problematische israelische Regierung. Diese Verbindung führt er jetzt noch weiter aus:

Noch ein Wort zum Fall des Günter Grass: Obwohl der Schriftsteller Israel wirklich wohlgesonnen war und es jahrzehntelang immer wieder verteidigte, wird er wegen einer Kritik an dessen Atomwaffenpolitik als »Antisemit« verunglimpft und sogar mit einem Einreiseverbot nach Israel belegt. Darüber hinaus intervenierte die israelische Regierung beim Nobel-Komitee in Stockholm und wollte allen Ernstes erreichen, dass dem Schriftsteller wegen seiner Israel-Kritik der Nobelpreis aberkannt würde; also Israelkritik = Antisemitismus = Aberkennung des Nobelpreises! Offensichtlich hat die Politik des jüdischen Staates von Gaza bis Grass einen gehörigen Anteil an der Generierung von Antisemitismus, und die psychologistische Sündenbock-Theorie ist entschieden zu kurz gegriffen.

Was ist hier laut Gedeon offensichtlich? Dass Israel einen „gehörigen Anteil an der Generierung von Antisemitismus“ habe. Auffällig ist hier, dass Gedeon diejenige Haarspalterei, auf die er sich sonst so gerne zurückzieht, hier nun selbst nicht einhält. Er trennt hier nicht mehr zwischen Antisemitismus und Antizionismus. Israel ist seiner Meinung nach also nicht nur selbst daran schuld, dass es antiisraelische Ansichten gibt, sondern auch selbst daran schuld, dass es Antisemitismus gibt. Die im Anfang seines Kapitels genannte psyschologisch basierte These, Antisemitismus sei im Grunde ein Produkt der Köpfe der Antisemiten, ist für Gedeon „zu kurz“ gegriffen.

Bewertung

Bleibt noch die Frage, was denn ein „gehöriger Anteil“ ist. Quantifiziert wird das an dieser Stelle ja nicht. Was soll der Leser sich darunter vorstellen? Vielleicht irgendwas zwischen einem und zwei Dritteln?

Jedenfalls ist für Gedeon klar: am Antisemitismus sind „die Juden“ (so wörtlich oben bei der Frage des „Juden L.Deutsch“) selbst schuld, zumindest zu einem „gehörigen Anteil“. Und diese These ist, wie ich meine, eindeutig antisemitisch. Und das nicht nur zu einem „gehörigen Anteil“.