Das Judentum, der innere Feind des christlichen Abendlandes

Im Kapitel 3.4 des „Grünen Kommunismus“ findet sich ein merkwürdiger Satz:

‚Wie der Islam der äußere Feind, so waren die talmudischen Ghetto-Juden der innere Feind des christlichen Abendlandes.

Das Judentum als innerer Feind des christlichen Abendlandes. Diese steile These von Dr. Wolfgang Gedeon hat es geschafft, vielfach in der Presse zitiert zu werden. So oft, dass er darauf antworten musste. Am 21.07.2016 steht/stand seine Verteidigung direkt auf seiner Homepage (also auf der Startseite seines Webauftritts). Er setzt sich dort mit einem längeren Artikel von Dr. Marc Jongen auseinander. („Nun sag, Marc Jongen, wie hast du’s mit dem Opportunismus?“ Stellungnahme zu Marc Jongens Pamphlet gegen mich in der Jungen Freiheit).

Gedeons Selbstdistanzierung

Um Gedeons Argumentation in Gänze bewerten zu können an dieser Stelle ein längeres Zitat aus seiner Widerlegung:

Wer, wie ich, nicht überzeugt sei, dass die „Protokolle“ eine Fälschung sind – im Übrigen eine eher nebensächliche Frage –, wird in die Nähe der Auschwitz-Täter gerückt. Dann ein weiteres Zitat von mir, von Jongen wieder mit der Auschwitz-Keule vorgetragen: „Wie der Islam der äußere Feind, so waren die talmudischen Ghetto-Juden der innere Feind des christlichen Abendlandes.“

Was aber bedeutet dieser Satz wirklich? Mache ich damit die Juden zu den „inneren Feinden des Abendlandes“? Mitnichten. Ich beschreibe eine Situation, wie sie damals historisch bestand: Auf der Basis ihrer jeweiligen Religion waren die Christen den Juden, und die Juden den Christen mehr oder weniger feindlich gesinnt. Also kein Aufruf zu innerer Feindschaft, sondern eine historische Beschreibung: Wir sprechen von „christlichem Antijudaismus, von Luther, Bach, Shakespeare, usw.! Auf jüdischer Seite nennt man es „religiösen Antisemitismus“, wobei man unterschlägt, dass die Einstellung in den Ghettos – man lese nur den Talmud – nicht minder antichristlich war als die der umgebenden Mehrheitsgesellschaft antijüdisch. Dass dieser Gegensatz eher selten aufgebrochen ist (Pogrome, Vertreibungen), ist der katholischen Kirche zu verdanken, die die Christen vor den Juden und die Juden vor den Christen zu schützen beanspruchte (Prinzip der „doppelten Schutzbefohlenheit“).

Die grundlegende Verteidigungslinie Gedeons ist also die These, er habe nur eine bestehende Feindschaft einer bestimmten historischen Sitation beschrieben, sich diese Bewertung aber nicht zu eigen gemacht. Diese Verteidigung greift meiner Meinung nach nicht. Um dies nachzuweisen müssen wir etwa eineinhalb Seiten aus dem „Grünen Kommunismus“ im Zusammenhang lesen.

Der Islam als äußerer Feind

Fangen wir mit der Beschreibung des „äußeren Feindes an“:

Als Europa die Idee des christlichen Humanismus entwickelte und sie zu seiner Leitidee machte, hatte es an seinen Grenzen zwei große islamische Feinde: zunächst den maurischen Islam im Südwesten (bis 1492, dem Ende der sog. Reconquista); ab 1453 (Eroberung Konstantinopels durch die Türken) den osmanischen Islam im Südosten. Es war im Wesentlichen die christlich humanistische Grundausrichtung, die als geistig wirkende Kraft Europa in die Lage versetzte, sich nicht nur über Jahrhunderte der aggressiven islamischen Bedrohung zu erwehren – zweimal standen die Türken vor Wien –, sondern auch den islamischen Kulturkreis zivilisatorisch und kulturell zu überflügeln und weit hinter sich zu lassen.

Die Schilderung der islamischen Bedrohung ist korrekt. Die Frage, inwieweit der Humanismus geholfen habe, Europa zu verteidigen, will ich an dieser Stelle nicht untersuchen. Dies (im nun folgenden Absatz) als „äußeren Feind des christlichen Abendlandes“ zu bezeichnen, ist vertretbar. m.E.

Das Judentum als „innerer Feind“

Aber die nun folgende Gegenüberstellung ist es nicht:

Wie der Islam der äußere Feind, so waren die talmudischen Ghetto-Juden der innere Feind des christlichen Abendlandes. Die halachische Religionspraxis stellte das krasse Gegenteil von einem freiheitlich gestalteten Lebensentwurf im humanistischen Sinne dar, und der Universalismus des christlich-humanistischen Weltbildes, nach der alle Menschen vor Gott gleichwertig und Brüder und Schwestern waren, bedeutete eine entschiedene Absage an den Auserwähltheitskult der judaistischen Religion.

Der zentrale Satz, der die „talmudischen Ghetto-Juden“ als „inneren Feind des christlichen Abendlandes“ bezeichnet, ist also keine Beschreibung einer historischen Sicht der damaligen Zeit. Es ist erkennbar Gedeons eigene „philosophische“ Bewertung, die er auch noch argumentativ untermauert:

  • Er kontrastiert die „halachische Religionspraxis“ der Juden mit dem freiheitlichen Lebensentwurf des Humanismus und konstatiert dazwischen ein „krasses Gegenteil“ .
  • Er kontrastiert ferner den Gleichwertigkeitsansatz des Humanismus mit dem „Auserwähltheitsanspruch“ des Judentums.

Diese beiden Widersprüchlichkeiten sind nicht die Darstellung eines Kontrastes, den lediglich die damals lebenden Menschen fälschlich so empfunden haben. Nein. Es ist auch eine Bewertung, der sich Gedeon erkennbar anschließt. Mehr noch: es ist eine Bewertung in ausgesprochen moderner Diktion und kein Zitat einer mittelalterlichen Sicht der Sachlage. Es steht hier noch nicht einmal der Hauch einer Distanzierung von der Sicht des Judentums als „innerem Feind des christlichen Abendlandes“. Im Gegenteil. Gedeon greift diesen Gedanken selbst wieder auf.

Erst als sich in der jüdischen Aufklärung ein Teil der Juden von der talmudischen Religionspraxis emanzipierte und sich andererseits in der abendländisch-europäischen Aufklärung ein Teil der Christen von seiner Religion lossagte, wuchs der Einfluss des Judentums in Europa. Als sich im 20. Jahrhundert das politische Machtzentrum von Europa in die USA verlagerte, wurde der Judaismus in seiner säkular-zionistischen Form sogar zu einem entscheidenden Wirk- und Machtfaktor westlicher Politik.

Merkwürdig ist hierbei, dass der Einfluss des Judentums nach Ansicht von Gedeon erst zur Zeit der Aufklärung zu wachsen begann. Daraus müsste doch eigentlich folgen, dass die These vom „inneren Feind“ für das Mittelalter erkennbarer Unsinn war. Die im Vergleich zur Bevölkerung Europas geringe Zahl an Juden konnte nie ein „innerer Feind“ sein.

Anschließend, so Gedeon, wurde der Zionismus (über die USA) zu einem „entscheidenden Wirk- und Machtfaktor westlicher Politik“. Das nun ist eine der alten Leiern des Antisemitismus: die Juden haben zu viel Macht.

Wir kommen nun zum Schlussabsatz dieses Abschnitts:

So haben wir heute in Europa folgende Situation: Der vormals innere geistige Feind des Abendlandes stellt jetzt im Westen einen dominierenden Machtfaktor dar, und der vormals äußere Feind des Abendlandes, der Islam, hat via Massenzuwanderung die trennenden Grenzen überrannt, ist weit in die westlichen Gesellschaften eingedrungen und gestaltet diese in vielfacher Weise um. Geistig vorbereitet wurde diese Entwicklung vor allem dadurch, dass den Europäern ihre christlich-humanistische Grundorientierung abhanden gekommen ist.

Gedeons Fazit: der „vormals äußere Feind“, der Islam, steht jetzt drinnen. Und der „vormals innere Feind“ ist jetzt sogar zu einem dominierenden Machtfaktor geworden. Gemeint ist das doch offenkundig so: Beide haben sozusagen ihren Kampf gegen Europa gewonnen, und das, weil Europa seine geistige und geistliche Grundorientierung verloren hat.

Mein Fazit:

Die krude These Gedeons vom Judentum als „innerem Feind des christlichen Abendlands“ ist erkennbar keine Beschreibung eines historischen Zustands, den die Menschen damals lediglich fälschlicherweise so empfunden haben. Nein, es ist vielmehr O-Ton aus der Gedeonschen Gedankenwelt.

Und natürlich ist das Antisemitismus live.