Der Talmud ist schuld an der Judenverfolgung

In Kapitel 3.3 des Grünen Kommunismus diskutiert Gedeon die Geschichte des Judentums von der Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahre 70 n.Chr. bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Dabei kommt er auch auf die Rolle des Talmud zu sprechen.

„Dabei wird der Gedanke der Auserwähltheit des jüdischen Volkes, den wir aus dem Alten Testament kennen und als Christen im Wesentlichen symbolisch interpretieren, kultiviert und übersteigert: »Wenn der Messias kommt, sind alle die Sklaven der Israeliten« – so steht es im Talmud. [Gemara, Traktat Enubin, Abschnitt IV] Die Versklavung des Restes der Menschheit im messianischen Reich der Juden ist also das eschatologische* Ziel der talmudischen Religion. Dementsprechend finden wir auch in vielen anderen Abschnitten Hass und Verachtung für alles Nichtjüdische bis hin zu Aufrufen, die Nichtjuden zu vernichten.“

Dieser Absatz reiht sich ein in eine lange Reihe von Vorwürfen gegenüber dem Talmud, die an anderer Stelle im Internet ausführlich genug beantwortet werden. In die inhaltliche Diskussion des Talmud will ich an dieser Stelle nicht tief einsteigen. Nur so viel möchte ich anmerken:

Erstens macht es sich störend bemerkbar, dass hier eine angemessene Quellenangabe fehlt. Nach welcher Übersetzung des Talmud wird hier zitiert? Woher kommt sein Zitat? Mir scheint ja, er hat dieses Zitat irgendwo im Internet aufgelesen. Andernfalls würde man hier ja eine saubere Quellenangabe erwarten. (Buch, Verlag, Titel, Seitenzahl) Aber nichts dergleichen. Der Grüne Kommunismus bietet – für ein philosophisches Werk mit pseudowissenschaftlichem Anspruch erstaunlich – keine Fußnoten oder gar ein Literaturverzeichnis, anhand derer man die Quellen nachprüfen kann. Man muss daher schon eine Weile im Internet googeln um einen Text zu finden, der dieser Angabe näher kommt. Ich biete von der Seite http://www.jewishvirtuallibrary.org diesen Abschnitt: „Tractate Eruvin – chapter 4“. Damit ist schon einmal klar, dass noch nicht einmal der Name des Talmud-Abschnitts richtig ist. Gedeon schreibt „Enubin“ richtig ist „Eruvin/Erubin“. Aus der Liste der Abschnittsüberschriften ist dies jedenfalls das einzige, was ich im Angebot habe.

In diesem Abschnitt, hier auf Englisch, aber das lernt man ja an der Schule, gibt es nichts, was dem Zitat von Gedeon auch nur nahekommt. Auch anhand einer Komplettausgabe, PDF, über 3000 Seiten von derselben Webseite lässt sich das Zitat von Gedeon nicht substantiieren.

Was den Talmud als Ganzes angeht, so möchte ich an dieser Stelle anmerken: Der Talmud kommentiert unter der Rubrik „Mischna“ das Alte Testament. Die „Gemara“ wiederum kommentiert die Mischna. Hier kommen eine Vielzahl von jüdischen Lehrern (gerne auch namentlich benannt) zu Wort, die eine breite Palette von Meinungen vertreten, über die man als Student des Talmud dann lange Diskussionen führen kann. Ein einzelner Satz in der Gemara macht noch lange keine allgemeine Lehre. Und es ist ein typisches Vorgehen von antisemitischen Zusammenstellungen von Talmudzitaten, dass sie eine einzelne Aussage eines Kommentators eines Kommentators des Alten Testaments zu einer Aussage hochstilisieren, die von ALLEN Juden ALLER Zeiten direkt so vertreten wird. Sich, in der Art und Weise wie Gedeon es hier tut, auf Zitatfetzen aus dem Talmud zu berufen, kann daher nur schiefgehen. Und wie der weitere Text des Grünen Kommunismus zeigt, geht es dann auch noch schiefer. Im nächsten Absatz schreibt Gedeon dann:

„Über Jahrhunderte hat dieser Talmud das Judentum geistig geprägt, sind Juden also in seinem Geist sozialisiert worden. Nicht nur viele Nichtjuden, auch viele Juden halten deshalb den Talmud für einen wesentlichen Faktor bei der Generierung von Antisemitismus in den Ländern, in denen die Juden lebten.“

Und das ist nun wieder ein antisemitisches Stereotyp. Es ist die alte Leier: die Juden sind am Antisemitismus selbst schuld.

Keine weiteren Fragen an den Zeugen Gedeon.