Die Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung der westlichen Politik

In Kapitel 3.3 des Grünen Kommunismus diskutiert Gedeon die Geschichte des Judentums von der Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahre 70 n.Chr. bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion.

Etwa in der Mitte dieses Kapitels schreibt er:

Im Zuge der westlichen Aufklärung wurden die jüdischen Ghettos aufgelöst, und der Talmud verlor zunehmend an Bedeutung. Heute bekennen sich etwa 30% der Weltbevölkerung zum Christentum, 20% zum Islam, 14% zum Hinduismus, 6% zum Buddhismus, aber nur knapp 0,3% zum Judentum. Die jüdische Religion hat im Hinblick auf die Entwicklung von Christentum und Islam geschichtliche Weltbedeutung. Von ihrer tatsächlichen Verbreitung her kann man sie heute aber nicht mehr als »Weltreligion« bezeichnen. Weltbedeutung hat das Judentum heute nicht direkt durch seine Religion, sondern im Wesentlichen indirekt, nämlich durch Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung der westlichen Politik.

Hier wird die Rolle des Judentums als „Weltreligion“ diskutiert. Ich halte mal die Wikipedia dagegen:

Trotz seines universellen Selbstverständnisses fällt das Judentum zahlenmäßig stark von den anderen hier genannten Weltreligionen ab. Während Christentum und Islam aktive Missionierung betreiben, findet dies im Judentum aus verschiedenen religions- und kulturgeschichtlichen Gründen nicht statt. Zugleich hat der jüdische Glaube aber eine große kulturprägende Bedeutung, da auch Christentum und Islam auf dem abrahamitischen Monotheismus aufbauen.

Je nachdem, wie man sich seine Lieblingsdefinition von Weltreligion schnitzt, kann man natürlich (wie Gedeon hier) auf Basis der Prozentzahlen argumentieren, dass das Judentum auf Basis seiner Verbreitung „heute nicht mehr als Weltreligion“ bezeichnen kann. Wobei es schon verwundert, dass dies „heute nicht mehr“ der Fall ist. Auf Basis des prozentualen Anteils an der Weltbevölkerung war es das nie.

Seine Geltung als Weltreligion hat es immer über seine Rolle als Vorläufer von Judentum und Christentum gehabt. Die „Weltbedeutung“, an der Gedeon sich hier versucht, ist aber hanebüchen. Wir hören noch einmal genau hin:

„Weltbedeutung hat das Judentum heute nicht direkt durch seine Religion, sondern im Wesentlichen indirekt, nämlich durch Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung der westlichen Politik.“

Und das nun ist hochgradig absurd.

Die Judaisierung der christlichen Religion

Gedeons Begriff der „Judaisierung“ der christlichen Religion ist ein sprachlicher Missbrauch. In der christlichen Theologie ist mir dieser Begriff nämlich schon mehrfach begegnet. Ich selbst gehöre zur Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Wir teilen die allgemein protestantische Überzeugung, dass die Errettung, das Seelenheil allein aus dem Glauben an Jesus Christus kommt. Aber wir feiern den Gottesdienst am Sabbat und nehmen auch die Gebote des Alten Testaments wichtiger als viele andere christliche Konfessionen. Und deshalb machen uns andere Christen gerne den Vorwurf, wir würden Werkgerechtigkeit betreiben, wir würden uns also unser Heil durch das Halten von Geboten verdienen wollen. Und der Begriff „Judaisierung“ des Christentums wird üblicherweise für DIESEN Vorwurf verwendet: Gebote statt Glauben.

Was Gedeon (an anderer Stelle) richtig beobachtet hat ist, dass der christliche Glaube in Europa in eine Krise geraten ist. Viele Menschen haben den christlichen Glauben aufgegeben. Andere Religionen sind populär geworden. Wir haben eine enorme Säkularisierung in Europa erlebt.

Was Gedeon uns aber als Erklärung präsentiert ist das antisemitische Stereotyp: die Juden sind schuld. Das ist hanebüchen. Eine Judaisierung der christlichen Religion müsste doch ein Zurück zu den Geboten sein, ein Hin zu mehr Regeln und strikteren Regeln. Stattdessen präsentiert und doch die EKD eine Beliebigkeit, die nur da ihre Grenzen hat, wo jemand auf die Gebote Gottes hinweist. Das wäre doch, wenn man schon Gedeons Begrifflichkeit verwenden wollte, das genaue Gegenteil von Judaisierung.

Die Zionisierung der westlichen Politik

Hier ist Gedeon wieder bei seiner Zentralthese angelangt, der zionistischen Weltverschwörung. Er führt das dann so aus (Hervorhebung von mir):

„Der Zionismus ist keine Religion, sondern eine nationalistische Ideologie. In dieser gibt es keinen Gott, hier ist sozusagen Israel selbst zum Gott, zum Selbstzweck geworden. Entscheidend gestärkt wurde die zionistische Bewegung – es hört sich eigenartig an – durch die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen und den Untergang des Nationalsozialismus 1945. Ab 1967 (Sieg Israels im Sechstagekrieg mit Besetzung weiterer arabischer Gebiete) spielt der Zionismus in der internationalen Politik eine nicht mehr zu übersehende Rolle als permanenter Brandherd im Nahen Osten. Wichtiger aber als der Staat Israel muss hier der zunehmende Einfluss des Zionismus in den USA eingeschätzt werden, insbesondere auf die dort betriebene Außenpolitik. Man kann sagen, dass diese seit 1989 (Zusammenbruch der Sowjetunion) vom Zionismus dominiert wird. So war beispielsweise auch Obama trotz verschiedener Bemühungen nicht in der Lage, die Fortsetzung der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland und in Ostjerusalem zu unterbinden.“

Hier geht es wieder um die zionistische Weltverschwörung, eines der Lieblingsthemen von Gedeon. Die Zionisten sind so mächtig, dass selbst Obama, der Präsident, chancenlos ist. Zionismus als grundlegendes Erklärungsmuster der Weltpolitik.

Bewertung

Man kann ja gerne die Unterstützung der USA für die israelische Siedlungspolitik kritisieren. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Gedeon meint

„Weltbedeutung hat das Judentum heute nicht direkt durch seine Religion, sondern im Wesentlichen indirekt, nämlich durch Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung der westlichen Politik.“

Im Gegensatz zu anderen Stellen, bei denen Gedeon die Weltverschwörung bei einem Teil der Juden verortet, bei einer „zionistischen Clique“, nimmt er hier doch „das Judentum“ und damit „das Judentum“ in seiner Gesamtheit in Haftung.Und zwar für eine massive Beeinflussung „der christlichen Religion“ in ihrer Gesamtheit und der „westlichen Politik“ auch wieder in ihrer Gesamtheit.

Der antisemitische Ton Gedeons hierbei ist unüberhörbar: die Juden haben zu viel Macht und mischen sich in alles ein.